Kunst oder Code?

11.07.2019
Begrüßung zum 2. Wilkhahn-Symposium „Bauhaus: Lehren für eine digitalisierte Welt?“ durch Wilkhahn-Geschäftsführer Dr. Jochen Hahne, Wilkhahn-Pressesprecher Burkhard Remmers, den Präsidenten der niedersächsischen Architektenkammer, Robert Marlow, und Moderatorin Dr. Ursula Baus. 
Fotos: Wilfried Dechau

Online-Chats statt Ateliers, mit wenigen Klicks perfekt visualisierte Gebäude, sich selbst entwerfende Städte – wir stehen auf der Schwelle zur digitalen Zukunft des Architekturschaffens und blicken auf eine Welt – ohne Architekten. Das diesjährige Wilkhahn-Symposium „Bauhaus: Lehren für eine digitalisierte Welt?“ stellte anlässlich des Gründungsjubiläums der legendären Schule die Frage, was die gestaltenden Disziplinen in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft vom „Experiment Bauhaus“ heute lernen könnten. Eingebettet war es in die Architektur des Bauhaus-Schülers Herbert Hirche auf dem Wilkhahn-Campus und in eine Ausstellung zu über 70 Jahren Wilkhahn-Design im Zeichen der Moderne. Am Bauhaus wurde vor 100 Jahren die Ausbildung in Produktdesign und Architektur komplett neu konzipiert. Welche Impulse von damals können für uns heute relevant sein? Woran lohnt es sich anzuknüpfen?

Die ReferentInnen öffneten ein Themenfeld von neu entdeckten und interpretierten Lehransätzen am Bauhaus, die einen Bezug zu aktuellen „Design-Build-Strategien“ herstellen, bis zum kritischen Hinterfragen der realen, nachhaltigen und sozialen Aufgaben von Design. Vorgestellt wurde die Rolle des Architekten in partizipativen und kooperativen Entwurfsprozessen sowie in digitalen städtebaulichen Planungsmodellen. Am Ende stand zur Diskussion, ob die Künstliche Intelligenz in der Planung lediglich ein weiteres praktikables Werkzeug sei, das der Mensch einfach verantwortungsbewusst einsetzen müsse oder ob das Werkzeug selbst nicht schon bestimmte Entscheidungen vorwegnähme und damit ein Ergebnis determiniere, noch bevor die „richtigen“, die Werte entscheidenden Fragen gestellt wären.

Prof. Philipp Oswalt, Fotos: Wilfried Dechau

Philipp Oswalt, Professor für Architekturtheorie und Entwerfen an der Universität Kassel und ehemaliger Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, zeichnete den Bauhausgründer Walter Gropius als Meister der Inszenierung, dessen Planungen und Projekte wenig funktional waren, dafür vielmehr einem „fordistisch inspirierten Industrielook“ folgten. Erst sein Nachfolger Hannes Meyer habe hingegen die Lehre neu organisiert und eine Planungs- und Bauabteilung von Studierenden als Vorläufer heutiger „Design-Build-Practices“ eingerichtet. Als herausragenden Verdienst Meyers wertete Oswalt zudem dessen Berufung von Ludwig Hilberseimer ans Bauhaus, der als „Urvater des typologischen Entwerfens“ das Spätwerk Mies van der Rohes maßgeblich beeinflusst habe.

Prof. Markus Bader, Fotos: Wilfried Dechau

Markus Bader lehrt an der UdK in Berlin und ist Mitgründer des Architekturkollektivs raumlabor. Gerade angesichts einer affirmativen Welt digitaler sozialer Netzwerke und der permanenten Reproduktion von Bildern gelte es, eindimensionale Prozesse immer wieder kritisch zu reflektieren und ihnen ein gemeinsames Handeln, Bauen und Diskutieren entgegen zu setzen. Eine Inspirationsquelle biete das experimentelle Kunstkollektiv Black Mountain College, das als Bauhaus-Nachfolger in den USA gilt. raumlabor stellt Fragen danach, wie die Stadt lebenswert bleiben und wie der Einzelne an Handlungsmacht („agency“) gewinnen kann. Dabei setzt sich das Kollektiv mit Formen der Produktivität auseinander, die jenseits eines reinen Effizienzgedankens auf nachhaltiges Handeln zielen.

Prof. H.-P. Ritz Ritzer, Fotos: Wilfried Dechau

Mit dem partizipativen Wohnungsbauprojekt „Wagnis Art“ in München stellte H.-P. Ritz Ritzer (bogevischs buero, München, und Beuth Hochschule, Berlin) ein Projekt vor, in dem sich ein neues Selbstverständnis des Architekten als „Moderator“ manifestiert. In mehreren Workshops ließ er die künftigen Wohnparteien schrittweise ihre Idee vom gemeinschaftlichen Wohnen entwerfen. Seine Aufgabe sah er darin, verbindliche Regeln aufzustellen, die Bewohner zu beraten und ihre Vorstellungen zu visualisieren. Regeln, wie solche zur Gestaltung der Fassade des Sichtnachbarn, sorgten für stetigen Austausch untereinander und erzeugten ein nachbarschaftliches Miteinander, lange bevor die Bewohner einzogen. Der professionell moderierte Prozess sowie das inzwischen mehrfach preisgekrönte Ergebnis lösen klassische Ängste vor einem Autoritäts- und Kompetenzverlust des Architekten im Rahmen partizipativer Entwurfsfindungsprozesse auf.

Prof. Jesko Fezer, Fotos: Wilfried Dechau

Ausgehend von den Schriften des österreichisch-amerikanischen Designtheoretikers Victor Papanek („Design for a real World“) kritisierte Jesko Fezer – Lehrender, Gestalter, Publizist und Kurator – zunächst den „Wirklichkeitsverlust“ vieler Designer. Als Professor für Designtheorie an der HfbK Hamburg möchte Fezer deshalb den Studierenden ein bewussteres Verhältnis zur sozialen Wirklichkeit erschließen. Sein Studentenprojekt einer kostenlosen „Öffentlichen Gestaltungsberatung“ widmet sich der Lösung konkreter „Gestaltungsprobleme“ in der Nachbarschaft St. Paulis. Die Aufgaben reichen von der Konzeption eines Stauraums über einen Gemeinschaftsgarten bis zum Flüchtlings-Café. Mit meist einfachen Mitteln und unter Einhaltung eines vorgegebenen Budgets entstehen dabei individuelle, praktikable Lösungen, die gemeinsam umgesetzt werden.

Bernd Draser, Fotos: Wilfried Dechau

Bernd Draser ist Dozent für Philosophie und Kulturwissenschaften und lehrt an der Ecosign Hochschule für nachhaltiges Design in Köln. Den Schwerpunkt seiner Lehre legt er auf die Sensibilisierung der Studierenden für nachhaltiges Handeln und Entwerfen. 80 Prozent des Ressourcenverbrauchs eines Produktes werden schließlich in der Entwurfsphase determiniert. Dabei bleiben viele wertvolle Stoffe für die Verbraucher unsichtbar, wie die in der „Black Box“ eines Smartphones versteckten seltenen Erden oder der enorme Energieverbrauch der Serverfarmen. Draser stellte einige Arbeiten der Studierenden vor, die sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzen. Dazu gehören Projekte wie die dreidimensionale Personifizierung unterschiedlicher Konsumentengruppen oder ein universell einsetzbarer Coffee-to-Go-Deckel.

Prof. Anett- Maud Joppien, Fotos: Wilfried Dechau

Bauhaus-Modelle wie das „Haus am Horn“ sieht Anett- Maud Joppien (Dietz Joppien Architekten AG) als Vorbild für die an ihrem Lehrstuhl der Universität Darmstadt entwickelten Forschungsmodelle „Living Lab“ und „Founder Lab“. Die beiden inzwischen preisgekrönten Projekte sind Prototypen nachhaltigen Bauens. Das „Living Lab“ erprobt gemeinschaftliches studentisches Wohnen, daraus abgeleitet entstand 2018 das „Founder Lab“ als Arbeitsort für Gründer aus der IT-Branche. Analog zum „Living Lab“ ist es als „Dorf im Haus“ mit teils zweigeschossigen Einbauten charakterisiert, das von einer verbindenden Hülle umschlossen wird. Neben zellenartigen Rückzugsräumen gibt es eine große Bandbreite differenzierter, teils flexibler Gemeinschaftsbereiche, Werkstätten und Seminarräume. Der experimentelle Ansatz und die Befreiung von starren Raumprogrammen erzeugt Arbeitsumgebungen, die kreative und kommunikative ebenso wie konzentrierte Arbeitsprozesse fördern.

Dr. Reinhard König, Foto: Wilfried Dechau

„Wir errechnen die Sonneneinfallswinkel im Jahreslauf, konstruieren danach den Schattenfächer des Hauses im Garten und den Sonnenlichtfächer des Fensters…“ Mit diesem Zitat von Bauhaus-Direktor Hannes Meyer aus dem Jahr 1927 knüpfte Dr. Reinhard König an die Studien des Bauhaus‘ an. Er sieht sie als Vorläufer des parametrischen Entwerfens am Computer. König ist Juniorprofessor für rechnergestützte Architektur an der Bauhaus-Universität Weimar. Auch Bauhaus-typische geometrische Reduktionen, wie die von Walter Gropius 1931 formulierte 30°-Formel für den Abstand zwischen zwei Gebäuden, ließen sich als Parameter für das Entwerfen am Computer einsetzen. Das Programm „CityEngine“ stellt zum Beispiel städtebauliche Szenarien für ganze Quartiere in Echtzeit dar, deren Parameter wie Dichte oder Geschossfläche sich per Mausklick variieren, skalieren und visualisieren lassen. Auf internationaler Ebene entwickelt König am AIT (Wien) unter anderem die Software „SynCity“ mit. Dabei werden die Parameter und Regeln für den Masterplan nicht mittels abstrakter Setzungen generiert, sondern in Workshops mit den (künftigen) Bewohnern ermittelt. Auch in der Lehre selbst haben die digitalen Methoden und Kommunikationsmedien längst Einzug gehalten. So arbeitet König vorrangig mit Online-Lehrplattformen, in denen Dozenten und Studenten Wissen mittels Video vermitteln.

 

Das Panel unter der Moderation von Dr. Ursula Baus. Fotos: Wilfried Dechau

Das Panel unter der Moderation von Dr. Ursula Baus diskutierte zunächst die Frage nach dem Bezug des Bauhaus‘ auf die heutige Lehre. Für Oswalt gibt es diese Verbindung kaum noch, Lehrstühle und Lehrmethoden seien heute zu differenziert. Den Werkstatt- und Ateliergedanken des Bauhaus‘ als zentralen Arbeitsort der Studierenden hält König für überholt. Er plädiert für offene Kontexte, die der allgegenwärtigen Mobilität entgegenkommen. Kritisiert wurde dieser Ansatz von Joppien, die in solchen Kontexten den realen Austausch vermisste. König erwiderte, dass die Kommunikation in Online-Diskussionsforen als gute Vorbereitung auf spätere gemeinsame – echte – Besprechungen diene und dort für eine größere Reflektiertheit sorge.

So praktikabel rechnergestütztes Entwerfen auch sei: Für Ritzer könne digitale Werkzeuge nur sinnvoll und erfolgreich einsetzen, wer die physische Welt von Architektur und Städtebau erlebt und „Zementstaub an den Füßen“  kenne. Bader hat hingegen keine Berührungsängste mit der Technologie. Der Architekt sei für ihn ein Fragensteller, der ein Problem definiere und kommuniziere, um daraufhin die Programme als Werkzeug zu nutzen. Fezer wertet den Werkzeugbegriff hingegen kritisch. Für ihn ist die Fragestellung bereits die gestalterische Aufgabe. Es ginge nicht um Fragen wie: „Was wollen wir mit dem Werkzeug machen?“ oder „Wie kriege ich eine Aufgabe hin?“, entscheidend sei vielmehr: „Was will ich eigentlich wirklich erreichen?“ Ihm geht es darum, die Studierenden zu befähigen, sich klare Werturteile zu bilden, die auch Nachhaltigkeit betreffen. Zudem bestünde die Gefahr, dass die digitalen Werkzeuge den Entscheidungsprozess zu stark determinierten. Darin war er sich einig mit Draser, der Gestaltung immer im Kontext der zentralen gesellschaftlichen und ökologischen Fragestellungen verstanden wissen will. 

Joppien kritisierte vor allem den Show-Effekt, der mit den digitalen Tools einhergehe. Noch bevor eine Lösung wirklich durchdacht sei, könne sie schon perfekt dargestellt werden. Die Gefahr bestehe, dass Architekten zu guten „digitalen Handwerkern“ würden, aber nicht zu guten Planern. Oswalt gab sich zwiegespalten: Einerseits sei er fasziniert von der Technologie, gleichzeitig sehe er die Gefahr, dass Planer sich ähnlich wie Gropius per „Disclaimer“ freisprächen von Fehlplanungen. Letztlich gehe es bei allen planerischen Setzungen immer um „Werte-Entscheidungen“, wie Lucius Burckhard sie genannt hatte. Die Gefahr, dass sich die Architekt/innen von morgen nicht mehr austauschen oder keine Werte bildeten, sah König indes nicht: Gerade die „Digital Natives“, die bei ihm studierten, seien nicht unbedingt bereit, sich mit digitaler Technik auseinanderzusetzen und zu rechnen. Sie wollten lieber diskutieren.

Rundgang über den Wilkhahn-Campus mit Gebäuden unter anderem von Bauhausschüler Herbert Hirche, dem „Ulmer“ Georg Leowald, Frei Otto und Thomas Herzog sowie durch die Ausstellung zu über 70 Jahren Wilkhahn-Design: „Learning from the Bauhaus – vom Bauhaus bis zur Hochschule für Gestaltung Ulm“.
 Fotos: Wilfried Dechau
Abschlussprogramm mit Architekturführung durch das von Koch Panse Architekten BDA (Hannover) sanierte und energetisch ertüchtigte Arne-Jacobsen-Foyer (1966) an den Herrenhäuser Gärten, die mit einem Besuch der Galerie Herrenhausen verbunden wurde.

 Alle Fotos: Wilfried Dechau


Bericht zum 1. Wilkhahn-Architektur-Symposium: „Die Zukunft gestalten – Frei Ottos ideelles Erbe“.