Wilkhahn Design Talk: “Wir haben hier das Machbare ausgereizt.”

20.10.2016 | by Wilkhahn Deutschland

Als eine der Nachfolgerinnen der legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung ist die HfG Schwäbisch-Gmünd eine Talentschmiede. Auch Wilkhahns Designchef Michael Englisch hat dort gelernt und gelehrt. Bereits während ihres Studiums begannen die Gründer des Designstudios whiteID, Andreas Hess und Sebastian Schnabel, in Schwäbisch-Gmünd zusammen zu arbeiten. Mit whiteID haben sie sich nicht nur als Industriedesigner, sondern auch bei der Entwicklung von produktorientierten Prozessen einen Namen gemacht. Wir sprachen mit Andreas Hess über whiteID’s Freischwinger „Metrik“ für Wilkhahn, darüber, was man von Stühlen für kleine Menschen über Stühle für große Menschen lernen kann, und, was Helmut Schmidt mit Dirk Nowitzki verbindet.

Sebastian Schnabel, whiteID
Andreas Hess, whiteID
Wir hatten das Ziel, einen Stuhl zu entwickeln, der die Firmenphilosophie verkörpert, „im Stuhl zu sitzen“ – nicht „auf dem Stuhl“.

Herr Hess, was unterscheidet whiteID von anderen Designbüros?
Unsere ersten Produkte kommen aus dem Bereich Kindersicherheit: Babyautoschalen, Kinderwägen oder auch Spielzeug. Dieser Bereich ist einerseits sehr spannend, andererseits unglaublich stark besetzt mit Normen und Vorschriften. Wir haben schnell gemerkt, dass es für uns sinnvoll ist, nicht nur Produkte zu gestalten, sondern uns dem gesamten Entwicklungsprozess zuzuwenden: Das beginnt mit der Zielgruppendefinition, mit Marktrecherchen, Analysen, welche Produkte es bereits gibt, welche Attribute oder Funktionen gefragt sind. Erst danach beginnen wir mit Gestaltung und Technik. Wir liefern auch die Datensätze und betreuen die Zulieferbetriebe, die die Produkte am Ende umsetzen. Unseren Kunden kommt das entgegen. Unser Team verfügt über viel technische Erfahrung aus den Bereichen Spritzguss und Holzverarbeitung. In unseren neuen Räumen in einer alten Textilfabrik in Schorndorf gibt es deshalb auch eine eigene Werkstatt und ein eigenes Fotostudio.

Wie kam es denn zur Kooperation mit Wilkhahn?
Ich habe Michael Englisch einfach angerufen und gefragt, ob er nicht Interesse hätte, mit uns zusammenzuarbeiten. Ich habe ihm gesagt, wir hätten bisher Sitzmöbel für kleine Menschen gemacht, könnten uns jedoch gut vorstellen, auch Sitzmöbel für große Menschen zu machen.

Was hat Wilkhahn überzeugt?
In einer ersten Zusammenarbeit keimt sicher das Potential, dass wirklich Neues entsteht. whiteID bringt Erfahrung aus unterschiedlichsten Produktentwicklungen in den Gestaltungsprozess ein. Ein weiterer Punkt war, dass wir viel mit datengestützter Oberflächenmodellierung arbeiten. Der Metrik ist ein Produkt, dessen komplexe Oberflächen und Flächenübergänge im Computer definiert wurden.

Und wie sah das Briefing aus?
Wir hatten das Ziel, einen Stuhl zu entwickeln, der die Firmenphilosophie verkörpert, „im Stuhl zu sitzen“ – nicht „auf dem Stuhl“. Zweitens wollten wir, dass ein Freischwinger entsteht, der optisch aus einem Stück besteht: also eine superintegrierte Gestaltung, keine Addition einzelner Elemente.

Wie ist diese Integration von Sitzschale und Untergestell „aus einem Guss“ technisch denn möglich? Liegt das am Material?
Die Konstruktion an sich ist relativ klassisch, es gibt eine Sitzschale und ein Rohrgestell. Aber für den unsichtbaren Übergang zwischen beiden muss man kunststofftechnisch aufwändig arbeiten.

Für mich hat der Metrik fast etwas Abstraktes, wie eine Zeichnung. Die Form selbst besteht ja aus vielen polygonalen Flächen. Hat das auch statische Gründe?
Ja, im Endeffekt gibt es zwei Anforderungen an den Stuhl: erstens den Sitzkomfort. Alle Flächen, die im Kontakt mit dem Menschen stehen, sind weich und organisch. Das Gefühl des „Im-Stuhl-Sitzens“ wird zudem dadurch begünstigt, dass die Rückenlehne etwas erhöht ist, so dass man automatisch eine günstige Sitzposition einnimmt. Dagegen wirkt der Stuhl nach außen hin kantig und definiert, bezieht sich also auf die Architektur. So entstand ein Stuhl, der eine gewisse Präsenz hat, ohne sich aufzudrängen. Ein Ziel war auch, unterschiedlichen Anforderungen gerecht zu werden, Wohnumgebungen genauso wie Büros.

Inwiefern ist Ihnen denn dabei Ihre Erfahrung mit den Kindersitzen zugute gekommen?
Das betrifft vor allem unsere Erfahrungen mit Kunststoff. Wir haben hier tatsächlich das Machbare ausgereizt. Gemeinsam mit Wilkhahn haben wir die Firma BASF ins Boot geholt, die die Materialien definiert und berechnet hat. Um das Verhalten oder die Flexibilität einschätzen zu können, muss man sich auskennen mit der Materie. Und natürlich haben wir uns bei den Kinderprodukten sehr ausführlich mit Ergonomie auseinandergesetzt. Kindliche Körper sind zwar kleiner, aber man kann viele Erkenntnisse auch auf große Menschen anwenden.

Wenn Sie sich wünschen dürften, welche prominente Persönlichkeit im Metrik sitzt – wer wäre das?
Das ist schwierig. Klar: Wir beide könnten jetzt jeder in einem Metrik sitzen. Aber wenn ich mir etwas wünschen könnte, würde ich sagen: Helmut Schmidt und Dirk Nowitzki beim Schachspielen. Das sind oder waren so unterschiedliche Charaktere und Persönlichkeiten… Es entspricht einfach dem Anspruch des Metrik, kein polarisierendes Objekt zu sein, sondern eines, das die Menschen verbindet.

Ja, da stimme ich Ihnen zu: Das ist ein schönes Bild, auch wenn es sich ja leider nicht mehr realisieren lässt. Ihnen herzlichen Dank für das Gespräch!

Making of Metrik (1-3), Metrik schwarz (4), Metrik weiß (5)

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